Ich glaub‘, ich steh im Wald …

Ich glaub‘, ich steh im Wald. Im Blechwald der Autos von Menschen, die sich eine Ausstellung mit dem Thema „Mythos Wald“ im Gasomter Oberhausen ansehen möchten. Und weit und breit kein Wald, kein Baum. Nur Parkplatzgestein und staubiger Schotter. Und hier schon beginnt der Mythos, dessen Semantik ich hier als etwas von hoher symbolischer Bedeutung Aufgeladenes oder auch einfach nur als eine falsche Vorstellung oder Lüge von etwas verstanden haben möchte. Und das eine schliesst das Andere nicht aus.

Wenn man bei Ersterem bleibt, fehlt in dieser Ausstellung die komplette soziale Kulturgeschichte – was im Gasometer mit seinen Fotoausstellungen vielleicht auch nicht zu erwarten war – aber dennoch schade ist. Und das das Ganze unvollständig macht. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Der Wald, der deutsche Wald wird als Metapher und Sehnsuchtslandschaft seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Gedichten, Märchen und Sagen der Romantik beschrieben und überhöht. Historische und volkskundliche Abhandlungen erklärten ihn zum Sinnbild germanisch-deutscher Art und Kultur oder wie bei Heinrich Heine oder Madame de Staël als Gegenbild zur französischen Urbanität. Fehlt, stattdessen viele großformatige Fotografien, ein bißchen Wald und viel viel Tiere – beeindruckende Fotografien, technisch brilliant – aber dann auch wiederum harmlos um dem Besucher nicht zu viel Leid zu zu muten. Das kommt im übrigen auch zu wenig vor. So beginnt die Bilderklärung zu einer Fotografie eines Äffchen auf einem Markt im Kongo, dem das Fell abgebrannt wird, fast schon mit einem Disclaimer. Oder ist hier nicht mehr viel möglich. Ach ja, wir hatten ja gerade etwas mit einem Wal!

Aber zum Wald zurück, der offenbar all- und weltumfassend von den Ausstellungsmachern begriffen wird, was aber nirgendwo in der Ausstellung lesbar fixiert ist. Oder fast. Denn von Geräuschen und Gerüchen ist nirgendwo etwas zu verspüren – außer denen der Besuchern. Die Ausstellung selber ist mit erklärenden zweisprachigen Texten und Thementafeln durchzogen, wobei Letztere inhaltlich dürftig sind und dem allgemeinen und gut informierten Zeitreisendenden kaum etwas Neues zu vermitteln vermag. Dazu tuen diese Tafeln auch inhaltlich nicht weh. Man liest es – mit Erstaunen oder auch Entsetzen – sagt zu sich – betrifft mich nicht – und hakt es ab. Cut. Signalende. Wachsen weiter verboten; ganz im Gegensatz zur dritten und Scheibenebene im Gasometer wo ein elektronischer Baum Lichtimulse durch die Krone und Stamm in die Wurzeln und umgekehrt schickt; also Komunikation auf allen Ebenen. Oder sind das etwa die jetzt sichtbar gemachten Bione – also unbestätigte Energieteilchen – die der  Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker, Sexualforscher und Soziologe Wilhelm Reich entdeckt hat. Das wäre an dieser Stelle eine echte Sensation. Mal abgesehen, das das von der symbolischen Aussage her sehr technisch ist, in diese Ausstellung hätte an diese Stelle etwas Anderes gehört, auch wenn es eine Wiederholung gewesen wäre. In der Ausstellung „Magische Orte“ von 2011 stand an gleicher Stelle eine riesige Baumattrappe – also viel mehr Natur – die den ganzen Raum einnahm. Nun ja, der wird jetzt auch eingenommen, nur eben technisch – und das 15 Jahre zwischen den Ereignissen liegen und vieles andere mehr.

Und so bleibt als denkwürdisches Fazit festzustellen, das in dieser Ausstellung der Mythos Wald im Rahmen einer allmächtigen Marktingmaschine gewissermassen jeden Tag aufs Neue abgeholzt wird.  Man findet diese klinische Zukunftsvision aber schon 1975 im Song „Vater Schmidts Wandertag“ von Grobschnitt.

Heut‘ ist ein schöner Tag
Wie Vater Schmidt ihn mag
Er reißt das Fenster auf
Und knallt ein Marschlied drauf

Seht, wie die Sonne lacht
Schnell Reise klar gemacht
Wir fahren heut‘ hinaus
Zu einem Picknickschmaus

Gegen 14.00 Uhr löst Familie Schmidt
Eine Lochkarte für den Waldeintritt
Am Tor 7 a, Rollbahn 14 West
Quengelt schon der Lautsprecher
„Bitte aussteigen, halten sie sich fest“

Und so rattern sie auf Rollbahn 14 West
(Halt‘ dich fest)
Durch einen immergrünen Kunststoffwald
(Etwas kalt)
Automaten dispergieren ihnen Tannenduft
(Tolle Luft)
Untermalt von elektronischer Musik
(Hach wie schick)

Und so trifft man sich dann auf Essplatz Nummer 10
Wo schon über 80 Mann vor dem Speisomaten steh’n

In Antischwerkraftsesseln genießt man nun
Picknicksupermischung 15 X
Begleitet vom Rauschen der Keimvernichtungsanlage
Die ständig alle Keime im Keime erstickt, Hygiene

Ist es denn nicht wunderbar
Dem Fortschritt nah zu sein
Hurra wir sind ja so modern
Von Sorgen fern, lebt unser Stern

Heut‘ ist ein schöner Tag
Wie Vater Schmidt ihn mag
Wir fahren heut‘ hinaus
Zu einem Picknickschmaus

Nach oben scrollen