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Identität

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Kulturgeschichtlich ist der Lendenschutz schon lange out, der als minimalistisches Kleidungsstück eine große Rolle in der Verhüllung spielte. Doch das ist vorbei. Im Gegensatz dazu steht dann gewissermassen die Enthüllung, die gewollte Präsentation von Hautpartien mittels programmtechnisch zerstörtem Stoff. Gerade im Beinbereich. War Punk, ist Punk und dann nur noch cool und langweilig unterkühlt und heißt “destroyed Jeans”. Das große Fressen Marketing und Hedonismus macht daraus eine geldbringende Idee. Und Seinsdarstellung.

Genauso verhält es sich etwa im Automobilbereich bei den SuVs. Sind diese doch von ihrer Struktur schon lange nicht mehr für eine tatsächliche Ursprünglichkeit gebaut, sondern ausschliesslich für den individuellen Phantasie- und Freiheitsraum Stadt und den “metrosexuellen Latte-Macchiato-Bewohnern mit ihren unverständlichen, meist englischsprachigen Obsessionen, ob LGBTQ, Gendermainstreaming, Refugees welcome, Veggie days, Climate change oder der vierfachen Mülltrennung mit separatem Komposttütchen.” Gehts noch? Ja, ist aber Realität – dieses kapitalismuskonformes Leben. Der Soziologe Wolfgang Streeck beschreibt es als düsteren Vierklang: ‘coping, doping, hoping, shopping – sich arrangieren, sich aufputschen, hoffen, einkaufen’.

In Zeit Online finde ich auch die folgende Formulierung: “Es ist an der Zeit zu erkennen, dass der Populismus seine Wucht nicht aus Armut, sondern aus dem gefühlten Verlust der Identität zieht. Unsere Zeit widerlegt den alten Spruch von Bill Clinton, der vor zwanzig Jahren eine Epoche markierte: ‘It’s the economy, stupid.’ Heute spielt die Ökonomie eine immer geringere Rolle, dafür aber gilt: ‘It’s the culture, stupid!'”

Als ob das wirklich einen Unterschied macht. Denn Identität heute bezieht ihre Legitimation aus einem “Alles ist möglich”, vielleicht auch als Demokratie (4.0) zu verstehen und streitet jetzt gerade wieder über eine Vergrösserung der Anzahl von verkaufsoffenen Sonntagen. Economy oder/oder culture, das ist die Frage. Alles ist möglich. Aber diese Worte bleiben heute nicht mehr unwidersprochen, so daß sich dieser Satz wunderbar für die Fahnen jedweder Coleur eignet. Oder auch nicht. Darüber müsste man dringend reden. Und handeln. Oder mit den Worten von Harald Schmidt: “Man überschätzt den gesamten simplen Schnause-voll-Faktor.” Oder etwas vornehmer mit Ralf Dahrendorf zu sagen, der schon in den neunziger Jahren prophezeite, die Globalisierung werde “eher autoritären als demokratischen Verfassungen Vorschub leisten” und “Probleme schaffen, denen mit normalen demokratischen Methoden abzuhelfen schwierig” sei.

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