Zahltag

Eigentlich wollen alle nur leben. Und gut. So einfach ist das. Die Omas im Stück „Die Nacht der fliegenden Messer“ von artscenico kassieren die Rente ihrer toten Mütter und auch ihre Welt ist bereits auf den Horizont des Zehners geschrumpft. Aber diese Tat schafft auf die Dauer etliche Mitwisser, die ausgezahlt werden müssen. Und in Reihe kassieren. Und dann muss man sich entscheiden, wie es weitergehen soll. Das falsche Leben in die Wertstofftonne? Aber so ist das offenbar in einer, modern ausgedrückt, multikulturellen Gesellschaft oder wie es am Anfang des Stückes aus dem Mund des Conférencier heißt: „Willkommen in the best no-go-area in the world“. Auch hier der weltumspannende Wettbewerb – für alles. Und da steht der Pott – und hier Dortmund-Nordstadt – je nach politischer Sichtweise, gar nicht schlecht da. Aber darum soll es nicht gehen. Hier geht es vielmehr um Traumbilder, Sehnsuchtsorte und die vielen menschlichen Unzulänglichkeiten und Überlebensstrategien; skurille Typen, Gewalt und Diebstahl, gaffende und aufdringliche Touristen, Geranienmitbringsel als Blumen zum ersten Date und Emmis rollender Tante-Emma-Laden – im Discounter-Einkaufswagen. Dazu akustische Gitarreneinlagen von Gregor Hengesbach und Volker Wendland. Und etwas außerhalb der Produktion – nicht nur räumlich, weil in einem zweiten Hinterhof, zum Schluss so etwas wie dem Stück zeitlich folgende Traumbilder; vier menschliche Installationen voller mehrdeutiger Idylle. Die gedankliche und inhaltliche Brücke hierzu schafft eine zuvor gehörte private Bestandsaufnahme der Schauspieler auf der Hinterhofbühne. Geht es wirklich so weiter? Oder hat eher Udo Wolf recht. „Das Dritte Ohr“ singt auf der LP „Zahltag “ von 1979 im gleichnamigen Stück zum Schluss: „Als ich wieder kam war mein Hemd im Arsch und meine Uhr gestohlen“. Alles bleibt wie es ist. Nach einer Auszeit. Nach dem Stück. Willkommen in der Realität.

Weitere Aufführungen von „Die Nacht der fliegenden Messer“ Ende der Woche, Termine hier.

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