Böse

Ich möchte nicht mit Kim Yung-un frühstücken! Oder doch? Nein! Auch nicht mit Charles Manson. Oder wer wäre da aktuell sonst noch zu nennen? Gucke dazu gleich mal ganz analog in die BILD-Zeitung. Denn ähnlich wie bei Dantes „Göttliche Komödie“ ist das Böse, die Hölle, die Schilderung der Abgründe immer das Interessanteste, während das Darüberliegende – manchmal auch als Himmel zu bezeichnen – vielfach sehr blass und unbefriedigend bleibt. Nicht nur für mich. Darunter dann gewissermaßen ein religöses Fazinosum, dem sich jetzt ein Bühnenstück von artscenico in Dortmund mit dem passenden und mehrdeutigen Namen „BÖSE – Dark Side“ widmet. Nach „Missing Links“ (2015) und „Die Messe“ (2016)  – folgt jetzt Teil III der Trilogie um Seelentiefe. „BÖSE“ beschäftigt sich mit den dunklen Seiten des Menschen – skurril, gefährlich, komisch. Das Dunkle schleicht sich subtil in unseren Alltag. Nein ist bereits dort. Wohl wahr. Auch in der Sprache. Denn minutenlang über Schönheit zu philosophieren ist aufgrund der Menge, der verbal als schön aufgezeigten Dingen bereits böse und übergriffig. Aber der Zuschauer wird gekonnt mit einem Lächeln von Elisabeth Pleß und Linus Ebner zu einer inneren Stellungnahme aufgefordert, der man sich nur schwer entziehen kann. Ist das wirklich alles so? Stimmt das?

Auch wenn man vermuten könnte; „BÖSE – Dark Side“ ist keine Abfolge von Aufzählungen des Bösen als Typologie – was immer das dann immer ist, möglich und reell u.a. der Nazi, Gott und die laszive Frau – sondern spielt in ineinander übergehenden Sequenzen mit dessen Ausdrucks- und Erscheinungsformen. Dabei wird wenig und dem Stück entsprechend kaum verständlich gesprochen. Bis zum Schluss. Denn das Ganze endet mit einem großartigen Monolog von Selbstbezichtigungen über private Verfehlungen wie sie auch systemisch in der autokratisch politischen Landschaft üblich sind. Eigentlich ist das alles halb so wild – diese öffentliche Beichte. Fast beginnt man über die Dinge ein wenig in sich selber hinein zu grinsen. Ist alles im wesentlichen bekannt. Nur das die dritte Person auf der Bühne, der Tänzer Paul Hess, zuvor in der Rolle von Gott – und dieses Bild schleppe ich irgendwie mit mir herum – jetzt vergeblich gegen die fast verzweifelt hervorgebrachten Worte zu intervenieren versucht. Das geht irgendwie unter die Haut, zu mal die Szene vor einer Projektion eines kahlen und toten Waldes steht, wie man ihn auch bei Andrej Tarkowski hätte finden können. Da ist es schon lange vorbei, die Stelle mit der Regieanweisung im Skript: „Wenn der Mozart läuft, dann kommt Gott“. Hier jetzt nur noch Kunstmusik, im vieldeutigen Sinne kratzend. So das ganze Stück. Denn wenn es um Seelentiefe(n) geht, ist die Falltiefe groß. Darauf muss man sich einlassen und bekommt ein spannendes Gesamtkunstwerk mit komischen Verzerrungen, pathetischer Musik, fremde Gesichter und Unvorhersehbares Gedöns; dazu tänzerische Kunststücke, zwischenmenschliche Konflikte, tierische Versuche und außerirdische Mutmaßungen. Und der Spießer hat seine Reibungsfläche. Ich bin nicht böse.

BÖSE / Dark Side
Kreation: Rolf Dennemann
Von und mit Elisabeth Pleß und Linus Ebner (Performance), Paul Hess (Tanz)
Produktionsleitung: Beate Conze
Assistenz: Laura Lehmann

Premiere: 02.09.2017, 20 Uhr
Eintritt Premiere: VVK 15 € / 8 € erm.
AK 17 € / 10 € erm.

Nächste Vorstellung: So. 03.09.2017, 18 Uhr
Eintritt: VVK 14 € / 8 € erm.
AK 16 € / 10 € erm.

Theater im Depot
Immermannstr. 29
44147 Dortmund

Kartenreservierung (AK): Theater im Depot: 0231 / 98 22 336 (AB) oder ticket@theaterimdepot.de
Kartenvorverkauf (VVK): DORTMUNDticket, Max-von-der-Grün-Platz 5-6, 0231 / 18999-444, ticket@dortmund-tourismus.de

Weitere Aufführungen:
08.09./09.09.2017, 20 Uhr
Rü-Bühne Essen, Kartenvorbestellung: Tel. 0201 – 38 46 766

15.09., 16.09.2017, 19:30 Uhr:
Theater Rottstraße Bochum, karten@rottstr.de, Tel.: 01 63 / 761 5071

Trailer zu "Böse"

Rezension zu "Böse"

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