Heiliger BimBam

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Paketschlangen sind seltsam schweigende Orte – habe ich gerade erst einmal wieder mitgekriegt – aber garantiert nicht von einer meditativen „Bei-sich-sein-Art“, sondern algorithmisch gesteuert wird fieberhaft der Versuch unternommen, wie überbrücke ich jetzt die Störung meiner gegenwärtigen Taktung. Und das bedeutet Schweigen, gewissermaßen mit einer alten Demutsgeste den Kopf gesenkt, hektisch zu wischen und zu schieben. Komme später. Wird heute nichts mehr oder wir machen das jetzt ganz anders.

In der offline Werbewelt im Fernsehen gibt es im Abspann der vor 20 Uhr gezeigten Medikamentenwerbung immer den grauen Bildschirm mit dem vorgetragenen Satz, der eigentlich besser zu einem Schnelllesewettbewerb passt: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker“. Risiken und Nebenwirkungen in anderer Hinsicht sind gerade wieder in aller Munde, weil eben einige der großen – ich nenne es mal so – Gestaltungsgrößen unseres virtuellen und unendlich beschleunigten Alltages jetzt irgendwie gerade zu Kreuze kriechen. Und ich hoffe nicht nur aus einer gefühlten Jahresendzeitstimmung heraus. „Wenn Facebooks Schöpfer vor Facebook warnen“ lautete die Überschrift eines Artikels in der Süddeutschen Zeitung vor einigen Tagen. Er (gemeint ist Chamath Palihapitiya, der bei Facebook einst für das Nutzerwachstum zuständig war) „fühle ‚ungeheure Schuld‘, dass er mitgeholfen habe, ‚das gesellschaftliche Gefüge auseinanderzureißen‘. Um dann zu erläutern, wie soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram mithilfe plumper Anreize wie Daumen-hoch- und Herzchen-Symbolen dafür sorgen, dass seine Mitglieder möglichst viel Zeit in diesen Netzen verbringen, und wie dieser Mechanismus den öffentlichen Diskurs verzerrt.“

Tja und nun? Hat das etwas mit mir zu tun? Auf den Wunschzettel kann ich jetzt vor Weihnachten noch schnell den großen Wurf des „Alles-wird-anders-im-neuen-Jahr“ schreiben. Aber von wem soll ich mir das eigentlich wünschen? Muss mal in mich gehen. Zuvor muss das Alte erst einmal erfolgreich zu Ende gebracht werden. Und weil wir nur noch wenig Zeit haben, lassen wir gerne andere für einen arbeiten. Und so hat der Weihnachtsmann nicht immer einen roten Mantel an, manche tragen dazu gelbe Streifen, komisch braune Uniformen, blaue Jacken und stehen hermesgleich im Stau vor der Haustür, weil er keinen Parkplatz zum Ausliefern bekommen. Warum ist das nur so? Ich finde dann eine Postkarte im Briefkasten mit den rührseeligen Worten „Ihr Paket ist da und freut sich auf eine Abholung“. Denn die wird mir aller Wahrscheinlichkeit nach – ebenso wie bei der Rücksendung – einige Minuten Stille bescheren. Ich kann mich dann in der Schlange stehend z.B. weiter den weltbewegenden Klickzahlen meiner Projekte widmen. Sonst wäre dazu nicht gekommen. Heiliger BimBam, die sind tatsächlich schon wieder gestiegen.

Bedeutet Freude eigentlich Stille? Zalando ist da anderer Meinung. Schöne Weihnachten!!

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