Herr Lindner, haben sie schon mal …

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Herr Lindner, haben sie schon mal in der Schlange vom Burg Herzberg Festival gestanden. In Echt. Und das stundenlang. Das ist spannender als ihre jämmerliche Bäckerszene weil sich dort viel mehr Angsträume und -phantasien (Man trug die Gewänder seiner eigenen exzentrischen Wahl. Maximäntel aus Stoff oder Pelz, süßen Zwirn minigetrimmt, schwere Ketten und beschriftete Anoraks, Knobelbecher und Hush-Puppies. Dazu buntbedruckte Tücher, Bänder und Stolen. Über Passionsspiel verdächtigem Bartwuchs thronten Tirolerhüte mit Feder oder Gamsbart, über flitterbesetzten Lidern wellten sich Garbo-Hüte. Über alles schwebte der Dunst von Nikotin und sonstigen Rauchgenüssen.) ergeben, die hier aber keiner ungefragt unters Volk schüttet. Womit ich beim Thema bin. Sommer und Festival und wofür mir das gelbe-dynamische Politiksprech den perfekten Artikelanfang geliefert hat …

Denn auf dem Festival ist noch nie etwas wirklich passiert – also grundlos formulierte Angst – oder fast nichts: Hochzeit und Hubschraubereinsätze, eine fast Geburt, Herzinfarkt, etc.  und dann der überfahrende Fan, der im Schlamm des Jahres 2012 liegt. Der Traktor sieht ihn nicht und fährt darüber. „Und dann regt sich etwas in der Suhlekuhle, der Freak rappelt sich auf, flucht ein wenig, nirgends bekomme man seine Ruhe, schüttelt sich einmal und geht dann seines Weges.“

„Burg Herzberg Festival since 1968“ – hier eine  Leseprobe – beschreibt vermeintliche 50 Jahre Festivalgeschichte an der Grenze zum Vogelsbergkreis in Hessen; eigentlich tiefste deutsche Provinz und „der größte Teil des Etats geht dafür drauf, das es am Herzberg stattfindet. Es gibt ja keine Infrastruktur Es muß alles hinaufgekarrt werden, das kostet.“ Wobei diese 50 Jahre eigentlich eine Mogelpackung sind, aber auch Hippiekultur, die am Anfang gar keine war, kann sich natürlich marketingmäßiger Elemente bedienen. Und so beschreibt das Buch von Frank Schäfer die drei Phasen des Festivals, wobei der Autor kein Mitglied des Festivalteams ist und erst in den nach 2000ern den Ort zum ersten Mal besuchte. Da wäre die Phase der Beatband Petards, die das „1. Festival der progressiven deutschen Popgruppen – Electric Rock Herzberg-Festival“ organisieren. Und obwohl sie stilmässig da gar nicht mehr da rein passen bringen sie doch einen neuen Wind in den Landkreis, zumal die Idee des Festival noch vor den Essener Songtagen lag. Das war Innovation. Spannend liest sich, das die Bands auf der Burgmauer spielten und davor ein fünf Meter tiefer Graben war. Das aber ist eine heute nicht mehr mögliche Anarchie, die aber aus einer Not heraus geboren war. Und wirkliche Erklärungen für manche Skurillitäten gibt es nicht, da das Buch natürlich auch unter zu Hilfenahme von Oral History entstanden ist. Und da sich Erinnerungen naturgemäß wandeln, muss man bei manchen Dingen auch zwischen den Zeilen lesen. Da kann natürlich das Schlagzeug runterfallen.

Recht schnell sind in den frühen 70ern die Petards Geschichte und dann folgt die Kalle Becker Phase, fast wissentschaftlich so genannt, nach dem gleichnamigen und schwierigen spiritus rectus, der 1991 das Festival nach einer jahrelangen Ausphase wieder als Namen und Marke installierte. Und ein Jahrzehnt später bewusst oder unbewusst vor die Wand fuhr. Man darf wohl von beidem ausgehen. Aber hier werden die Grundlagen für das Festival in heutiger Form gelegt , denn schon zu diesem Zeitpunkt sind klingende Namen wie Charly Heidenreich und Bands wie Amon Düül 2, Birth Control oder Anekdoten mit am Ball.

„Das Festival Mark 3“ ist dann das heutige, seit 2007. Man liest über das Ringen nicht nur nach musikalischen Formen; hier jetzt als textliche Collage zwischen dem vom Autor Schäfer Erlebten, Zeitungsartikeln und der schon erwähnten Oral History. Dazwischen wird immer mal wieder der Schriftsteller Ulrich Holbein mit Erlebnisberichten zitiert. Das ist in vielen Fällen offenbar gewollt, aber einfach nur peinlich, genau wie ein längeres Schlusswort. Soll das Lyrik sein? Oder was?

Ich bin ähnlich wie der Buchautor Schäfer seit 2008 regelmäßig im Sommer auf dem Berch und lese das Buch deswegen nicht als Fremder – Fotos und Texte hier im Blog. Ich kenne die beschriebenen Bilder und Stimmungen gut und muss dem zustimmen. Schön, das der Autor an keiner Stelle den Eindruck aufkommen lässt, es handele sich um ein Entschuldigungsbuch, das viele missratene und ärgerliche Dinge erklärt und schönredet. Die es immer wieder gibt. Dem ist wirklich nicht so. Stattdessen bekommt man einen guten Eindruck auch über Ringen hinter den Kulissen (Orga- und Backstagebereich – hier gibt es ein paar wirklich komische und auch etwas traurige Schilderungen von Künstlervorlieben – die Sache mit dem Kasten Becks oder das Feilschen mit Bernd Witthüser etwa), was manchmal heftiges Kopfschütteln als die gealterte Form des Headbanging hervorruft. Auch hier ist zwischen-den-Zeilen-lesen angebracht.

Hut ab was von einem kleinen Festivalteam auf die Beine gestellt wird – von der Herzberg GmbH können 3 Leute leben und zusätzlich gibt es ein paar halbe Stellen. Das ist also nix für Großverdiener, dafür bleibt es aber menschlich. Wichtig und schön zu lesen ist, das dem jährlich wiederkehrenden Abenteuer Herzberg (Besucherzahlen und Wetter) ganz viel Idealismus (kommerzielle Unabhängigkeit durch das Fehlen von großen Sponsoren – keiner vermisst Coca-Cola oder Becks, oder?) und viel Vertrauen mit zuarbeitenden Organisationen entgegengesetzt wird. Sonst könnte das nicht funktionieren. Diese andere Stimmung lässt sich auch dem evangelischen Magazin Chrismon in der Maiausgabe entnehmen, das eine kurze Reise durch die sommerliche deutsche Festivallandschaft macht. Da klingt vieles nach Hektik, Konsumrausch und Massengeschmack. Dem ist Herzberg übrigens auch mal erlegen, gab es im Jahr 2000 eine „in das Festival integrierte GOA-Bühne“, also Dance-Szene. War etwas daneben, passt nicht wirklich ins Konzept und brachte sofort unnötige Partydrogen mit. Ist natürlich eine Frage der Weltanschauung.

Aber so ganz geht das mit dem Konsum natürlich auch an Herzberg nicht vorbei: „Die Leute wollen sich einen richtigen Plan machen. Um 12 Uhr ist der kleine Reggae-Hase Booo im Lesezelt, danach geht’s zum Kinderyoga ins Kinderland und dann machen wir Tai-Chi. Aber eigentlich ist das hier anders gedacht.“ Vielleicht so wie 1970, wie das, was die Band Dongwede aus Altenahr propagierte, aber damals noch zu neunmalklug für die Burg war: „hört eine zeit lang auf zu spielen. wandert herum in der natur und in lehrlingswerkstätten, in großstädten, oder redet mit der landbevölkerung. fangt an, das zu essen, was ihr wirklich braucht und nicht das, was euch über fernsehen und radio eingetrimmt wird. löst euch von profitgeiern und organisiert euch dagegen, schafft langsam und in aller ruhe und einfachheit zentren wirklichen zusammentreffens und zusammenlebens. und öffnet eure tore und eure sinne und euren geist … wir wollen, daß in diesem jahr ganz viele den kriegsdienst verweigern, um den kapitalisten und dem pack, was mit ihm zusammenhängt, zu zeigen, daß wir sie, ihr kapital und ihre unmenschlichkeiten verwerfen und uns dagegen wehren. helft alle mit, zusammen sind wir stark.“

Also kurzgefasst: Leben und Liebe jenseits der Angst anderer hochgetaketer Menschen, siehe oben. Wenn das so wird und bleibt, ist alles gut. Immer wieder.

Frank Schäfer: Burg Herzberg Festival since 1968

272 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 24 x 30 cm
Mit einem Nachwort von Ulrich Holbein
ISBN 978-3-945715-68-0
Andreas Reiffer Verlag
39,90 €

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