So, jetzt habe ich sie alle durch! Ich bin in allen Kirchen der Manifesta Ruhr gewesen. Ich habe maximal selbstreferenzielle Kultursysteme besucht, deren Breitenwirkung getrost bezweifelt werden darf und muß und vielleicht auch gar nicht angestrebt ist. „16 Wochen Kultur in eurer Nachbarschaft“ lese ich auf der Homepage. Klingt gut und dann? Denn auch hier sind Initiatoren in irgendeiner Form am Werk, die irgendwann wieder weg sind und damit auch die in wunderbares Kultursprech gekleideten „Möglichkeitsräume durch maximale Partizipation“. Der gedankliche Fehler der manifesta liegt also schon im zugrundeliegenden Konzept.
„Diese Ausgabe untersucht, wie wir leerstehende Kirchengebäude wieder zu Orten des gesellschaftlichen Lebens, Wohlbefinden und Gemeinschaft transformieren können. Die Manifesta 16 Ruhr lädt Euch dazu ein, Zukunftsperspektiven für diese städtischen Wahrzeichen mit uns zu finden und zu überlegen, wie solche Räume zum sozialen und kulturellen Leben der Städte im Ruhrgebiet beitragen können.“
Interessanterweise ist hier von 16 Wochen, wie oben, gar nicht einmal die Rede. Vielmehr geht es mehr um temporär anvisierte Nachhaltigkeit. Denn für das politische Wort „Nachhaltigkeit“ gibt es schliesslich auch Fördermittel. Dabei habe ich noch nicht einmal ein Wort über die Kunst verloren. Leider in vielen Fällen lieblos im Raum verteilt, dort gewissermassen ausgeschüttet; selten passiert eine echte Partizipation des Raumes. Warum z.B. stehen in der Kirche St. Anna in Schalke Holzgestelle im Kirchenraum – offenbar als Stellwände gedacht – aber maximal minimalst ausgemützt und den Raum komplett zerstörend. Dieses kuratorische Prinzip findet sich auch in St. Gertrudis in Essen. Weiße Wände sollen lenken, strukturieren. Doch dieses Weiß blendet gewissermassen in der Kirche. Es sei die Frage erlaubt, ob man eher Wände für dle (kleinen) Kunstwerke brauchte. Und die Kunst läuft daneben. Oder St. Marien in Karnap. Mehr Dunkel im Kirchenraum geht kaum. Es scheint so, als sei kein Geld mehr Beleuchtung da gewesen und das geht zu Lasten der Kunst und lässt nicht einmal dort ein Lesen der Beschreibungstexte zu. Was sagen eigentlich die Künstler dazu? Und ist die zentrale Installation als Bruch- oder Mülllandschaft im Innenraum schon ein Vorgriff auf die Abrißzukunft des Gebäudes? Wenn, dann läßt sich das Gebäude aber zumindestens durch das Hämmern auf abgesägten Orgelpfeifen als Installation noch einmal individuell asyncron bespielen. Das ist aber dann auch alles. Bespielen läßt sich auch eine Kirche in Langendreer. Darüber habe ich schon etwas geschrieben.
Natürlich gibt es auch andere Kirchenbeispiele, aber nur wenige. St. Bonifatius in Erle gehört dazu oder die Liebfauenkirche in Duisburg. Es überwiegt aber das Scheitern am Raum und an den unterschiedlichsten Lichtverhältnissen dort – und an der Rückwärtsgewandtheit vieler Kunstwerke, der Auswahl und deren Anzahl nämlich. Davon viel zu viel. Worauf sich der Besucher die Frage nach einem kuratorischen Konzept stellt, das irgendwie aber nicht ersichtlich wird. Oder das ist vielleicht viel zu konventionell gedacht – die Manifesta hat offenbar hier ein neues Wort erfunden – sog. den „Creative Mediator“. Das ist dann so neu und unbekannt, das selbst die Google KI, außer der Manifesta selber keinen weiteren Beleg für diese „Tätigkeit“ finden kann und man über Aufgaben im Dunklen bleibt.
Und so hat man in den letzten Woche zwar viel gesehen; Stadt – Land – Kirche. Einen bleibenden Eindruck hinterlässt nur das Wenigste und in dem konzeptuellen Rahmen von Hedwig Fijen – als Download auf der Homepage erhältlich – liest man: „Im Rahmen der Manifesta wurden diese Kirchen zu mehr als nur Gebäuden. Sie wurden zu einer Linse, durch die sich eine größere Frage betrachten lässt. Wie lässt sich bestehende Infrastruktur umgestalten, um neue Formen des gemeinschaftlichen Lebens zu unterstützen? Wie kann Kultur zum Wiederaufbau des sozialen Zusammenhalts beitragen? Und wie kann der öffentliche Raum wieder zu einem Ort der Begegnung statt der Trennung werden?“ Das und das Gesehene zusammen gibt dann ein glattes Thema verfehlt!
