Waldeslied

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Aus dem Vogelgezwitscher wird flugs eine Chor von Motorsägen. Und dann kommt eine Stimme aus dem Off „und schon ist dein kleiner scheiß Wald im Arsch, Otto“. Grobschnitt hat es schon gewusst, in den Achzigern mit seinem „Waldeslied“ auf „Volle Molle“. Da war Hambach noch wo ganz anders und es gab weniger Orte mit „Neu“ und dann folgend der Ortsnamen.

Nun also an diesem Morgen draußen im rheinischen Braunkohlenrevier. Oktoberfrühkälte! Warum gibt es eigentlich keine portablen Braunkohlenkraftwerke. Die hätten an diesem Morgen mir und vielen anderen mit ihrer Prozesswärme sehr genutzt und ich hätte den Baggerfahrer gerne mal um ein paar Kilo angehalten. Was der Gundermann bestimmt gerne gemacht hätte.

Und schön, das am Buirer Bahnhof der P&R Platz gesperrt wurde. Nur heute. So wurde im Vorfeld der Demo durch kollektive Anreise schon auf die Produktion von überflüssigem CO2 verzichtet. Und die Bahn fährt ja mit Ökostrom und zudem immerhin im Sondertakt und dann sind am Bahnhof die Warnwesten der Ordner rückens mit silbernem Klebeband abgeklebt. Zwei parallele Streifen, die irgendwie die Phantasie aufkommen lassen zu forschen, was eigentlich darunter steht; das etwas da steht, ist offensichtlich, z.B. also: Eduscho, Tchibo, EON, Bayer, etc. Denn auch mit Warnwesten lässt sich prima Upcycling betreiben.

Der dann folgende Waldspaziergang durch den namentlich bekannten Wald – allein in mäßigem Tempo – hatte dann gegenüber der Geschwindigkeit der Massen klar gewonnen; nur ab und zu unterbrochen von Ausweichmanövern vor provisorischen Barrikaden, wobei die Ausweichalternativen in keinster Weise behindertengerecht ausgebaut sind. Das ist schlimm und diskriminierend. Gleiches gilt für einen aufgeschütteten Erdwall hinter dem Forst, der pfadmäßig nur sehr schmal aufgeschüttet ist. Zu schmal, das Ausweichen bei Gegenverkehr nur mit ausgeprägten Balancefähigkeiten möglich ist; in meinem Alter aber noch kein Problem. Die dort Verweilenden machen sich dann echte Sorgen um die Polizei. Denn die sind von der Position hier wirklich zu nah an der Abbruchkante. Und das ist nicht erlaubt. Was die RWE Power AG per Lautsprecher lautstark per die Sirene mit anschließender Durchsage verkündigt. Auf dem Wall ist dann auch die Revolution zu Hause. In verbaler und planungstechnischer Ausprägung. Aber Revolutionäre sind manchmal zu ernsthafte und gewissenhafte Leute, als das irgendeine Reaktion auf das von mir vorgeschlagene öffentliche Protestpinkeln in Richtung eines weißen Geländewagens, der sich beobachtender und wahrscheinlich fotografierender Position befand, erfolgt wäre. Schade eigentlich gab es doch vor langer Zeit auch mal Spaßrevolutionäre. Dabei bin ich nicht mal bei „Die Partei“, die vielleicht diese Tradition in etwa weiterführt.

Gelernt habe ich an diesem Tag dann später, welche Begeisterungsstürme das Wort „polizeiliche Ermittlung“ hervorruft, das die Dame aus dem DB-Lautsprecherblechtrottel regelmäßig und emotionslos ausstößt, um eine dynamisch wachsende Verspätung, die eigentlich eine Streckensperrung ist, zu begründen. Zugegeben, es gibt bessere und interessantere Ansagen; das gilt insbesonders auch für eine Demo. Hier wurde man nicht wirklich auf dem Laufenden gehalten. Aber flugs wird dann am Bahnhof ein Konzert gespielt, eine akustische Gitarre gibt mittlerweile selten gehörte Klänge von sich. Das ist dann ein bisschen in der Tradition des fast vergessenen Protestsongs. Der die Gemeinsamkeit wärmende Schlachtruf „Hambi bleibt“ erreicht mich aber nicht mehr. Meine Füße bleiben sind nach über 2 Stunden Bahnhof fast unrettenbar kalt.

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